5 o’clock tea in Patagonia?

Ein sonniger Ruhetag, den wir hauptsächlich auf der grossen Plaza von La Junta verbringen – zusammen mit Katzen, Hühnern, Pferden, Chips und Heidelbeerbier – bringt unseren Beinen die nötige Kraft zurück und dem Kopf die Motivation nach den kühlnassen Regentagen.

La Junta Downtown: Wir geniessen das Anhalten, wo sonst kaum jemant stoppt.

La Junta Downtown: Wir geniessen das Anhalten, wo sonst kaum jemant stoppt.

Auf der im Verhältnis zum Dörfchen gigantisch angelegten vierspurigen Dorfumfahrung mit Kreisel und allem verlassen wir La Junta an einem bedeckten, aber trockenen Tag. Kurz nach dem Dorf ist fertig mit Teer und wir rattern über die breite Schotterpiste. Auf beiden Strassenseiten zeugt ein breiter Streifen gerodeter Wald, dass dieser Teil der Carretera wohl erst kürzlich ausgebaut wurde und nun nur noch auf den Teer wartet. Der Charme der kleinen Schotter-Carretera geht so leider schon etwas verloren. Wir rollen durch das weite Tal, passieren rauschende Flüsse und blicken auf die Bergketten, die das Tal auf beiden Seiten säumen. Und zugegeben ist es eine Klage auf sehr hohem Niveau, aber uns langweilt die Strasse etwas. So sind wir nicht traurig, als plötzlich unerwartet das Schild ‘Pavimento a 100m’ auftaucht.

Über diesen Teer sind wohl noch wenige Autos gerollt!

Über diesen Teer sind wohl noch wenige Autos gerollt!

So flitzen wir dem Abend und einem gemalten Campingschild entgegen, welches uns auf eine Kuhwiese führt. Unter den hohen Bäumen finden wir einen gemütlichen Zeltplatz und beobachten Mühle-spielend wie die Wolken immer mehr aufreissen. Wir merken wie fest wir doch wetterbestimmt sind und dies umso mehr beim so vielen Draussen Sein. Die Freude über den blauen Himmel und die später glitzernden Sterne ist auf jeden Fall gross.

Wunderbarer Zelt-Alltag: Wie wenig man doch eigentlich braucht!

Wunderbarer Zelt-Alltag: Wie wenig man doch eigentlich braucht!

Der nächste Morgen beginnt  jedoch wieder grau; doch dieses Mal ist es Nebel, welcher das Flusstal in eine mystische Stimmung einnebelt. Die Sonne lässt sich schon bald zwischen den Bäumen erahnen, als wir unsere letzten Kilometer auf der Carretera Austral unter die Räder nehmen. An der Kreuzung, von wo uns ein kleines Schottersträsschen in Richtung Argentinien bringt, gesellt sich ein Hund zu uns. Die Strasse schlängelt sich durch dichten Wald; die Stimmung kurz vor der Nebelauflösung taucht die Natur in eine Märchenlandschaft.

Nebel hat eben auch was!

Nebel hat eben auch was!

Nach einer weiteren Steigung sind alle Nebelschwaden fort. Wir rattern durch die frische Herbstluft und geniessen das kleine Strässchen im tief eingeschnittenen Tal. Der Hund, immer noch mit von der Partie, rennt neben uns her und zeigt uns bei seinem stetig gleichen Tempo wie langsam wir die Steigungen hochkriechen.

Der perfekte Pacemaker

Der perfekte Pacemaker

Doch wir kommen dennoch voran und unsere Strasse, die wir mal wieder fast für uns alleine haben, drückt sich bald an die Felsen und kurvt einem See entlang. Mittlerweile wird der Himmel ganz dunstig. Die umliegenden Berge verschwinden fast und wir reimen uns zusammen, ob dies wohl Asche vom Vulkan sein könnte. Solange wir nicht zugeaschert werden, soll uns das nicht stören.

Bis jetzt unser einzige Beweis, dass wir wirklich in der Nähe des Calbucos sind!

Bis jetzt unser einzige Beweis, dass wir wirklich in der Nähe des Calbucos sind!

Wir treffen auf einen nordamerikanischen Velofahrer, der seine Route ebenfalls Vulkanbedingt angepasst hat – einfach umgekehrt als wir. Es steht in der Tat 50:50, wo man besser in den Norden durchkommt, ob über Chile oder über Argentinien. Und schliesslich bestimmt die Natur und der Calbuco, wo’s lang geht. Den Aschegestank, von dem uns der Californier erzählt, können wir dann doch nicht ganz Ernst nehmen – schliesslich heizen alle und alles mit Holz, was die Dörfchen in der Nacht jeweils in Rauchschwaden tauchen lässt. Wie dem auch sei; man hört immer wieder so einiges über den Vulkan Calbuco.

Wir trampeln weiter, immer noch in Hundebegleitung und fahren durch ein spektakuläres Flusstal. Der tosende Rio Futaleufu ist ein gerühmter Rafting-Fluss. Wir erspähnen auf jeden Fall die eine oder andere knackige Passage, welche den einen reizt und die andere eher abschreckt. Die Saison ist ja leider (zum Glück) auch hier schon vorbei.

Auf einer weiteren Kuhwiese finden wir ein geeignetes Schlafplätzli. Hinter dem Zelt rauscht ein kleiner Bach vorbei, der sich wild durch die Steine und Büsche seinen Weg bahnt. Ringsherum dampft es aus den steilen, dicht bewaldeten Hängen.

Einmal Regenwald minus 30 Grad

Einmal Regenwald minus 30 Grad

Die Stimmung erinnert an den Regenwald; nur die Temperaturen nicht. So kriechen wir bald in unsere warmen Schlafsäcke und freuen uns auf die zwölf Stunden Schlaf, an die wir uns Dunkel- und Müdigkeitsbedingt doch schon ziemlich gewöhnt haben. Unser Hundefreund wimmert vor dem Zelt. Wir haben noch die Hoffnung, dass er nun die gut fünfzig Kilometer zu seinem Herrchen zurück läuft. Doch knapp zwei Stunden später weckt uns sein Geweine wieder auf. Ausserdem scheint er sich ans Zelt zu lehnen; es raschelt fortan. So beschert er uns einige Stunden Halbschlaf, bis es plötzlich ruhig ist und wir ihn schnarcheln hören. Ein Blick ins Vorzelt bestätigt unsere Vermutung; nicht nur uns gefällt der grosse Vorraum, besonders beim einsetzenden Regen. So darf er halt direkt neben unseren Köpfen weiter schlafen. Zum Glück haben wir ein Zwei-Zimmer-Zelt!

Der nächste Morgen ähnelt dem letzten; alles ist in dichten Nebel gehüllt. Mit ein paar allmorgendlichen Kniebeugen-Hampelmänner-Armschwingungen-Trabrennen ist uns so einigermassen warm. Der Hund macht auf jeden Fall Freudensprünge, als es wieder los geht und unsere ‘No-Rufe’ halten ihn nicht vom Mitrennen ab. So fahren wir zu dritt weiter. Zuerst durch dichten Wald, später über offenere Wiesen, am einen oder anderen Haus vorbei, rollen wir Futaleufu und der Sonne entgegen. Sobald wir das Hochtal erreicht haben, werden wir mit stahlblauem Himmel, herbstlich verfärbten Bäumen und einem glasklaren Fluss verwöhnt.

So schön kanns nach dem Nebel sein!

So schön kanns nach dem Nebel sein!

Bei einem Hof scheinen die Wachhunde ‘unseren’ Hund abgelenkt oder gar verjagt zu haben. Jedenfalls kehrt er nun um und macht sich auf den gut 80km Heimweg.

Bereits kurz nach dem Mittag erreichen wir das Dorf und wenig später hängt unser Zelt bereits zum Trocknen im Hinterhof und wir sind am Saccochen putzen. Elli, unsere Hostel-Mamma erachtet sie als sehr schmutzig und kurzerhand haben wir einen nassen Lappen in der Hand. Elli hat auch nicht ganz unrecht, als sie uns auslacht, dass wir nur eine Suppe zum Z’Mittag hatten. So sitzen wir kurz später im Dorfcafé und der dicke Hamburger auf dem Nebentisch lässt uns nicht lange zögern.

Auf dem Heimweg nach dem Znacht am Abend – Lachs und Pisco Sour sind auch fast schon zum Standard geworden – laufen wir durch die vermeintliche ‘Vulkanasche’ nach Hause. Kulinarisch werden wir am nächsten Morgen auch von Elli verwöhnt: Guacamole, Honig, richtige Milch und getostete Brötli lassen unsere Herzen höher schlagen. Mit einer herzlichen Umarmung verabschiedet uns das ältere Ehepaar in den dichten Nebel. Das Spielchen kennen wir langsam; nur dass er heute besonders tief hängt und dunkelgrau aussieht.

Herbst, herbstlich, am herbstlichsten...

Herbst, herbstlich, am herbstlichsten…

In Kürze erreichen wir die chilenischen Carabineros und passieren ohne Anstehen, dafür mit Schwierigkeiten konfrontiert die Formulare mit den kaltgefrorenen Händen auszufüllen, wieder einmal die Grenze. In Argentinien gehts neblig und holprig weiter. Unsere Fahrt erinnert an ein Trabrennen im Nebel; naja, da hatten wir schon Angenehmeres. Doch endlich gegen Mittag reisst der Nebel plötzlich auf und die Sonne lässt das goldige Steppengras aufleuchten. Wir sind eindeutig wieder auf der Regenschattenseite angekommen. Rotleuchtende Hagebuttensträucher zieren den Wegrand, am Horizont glitzern die Schneeberge und das Trabrennen nimmt immerhin im Kopf ein Ende.

Mmmh, was man aus diesen Hagebutten alles Leckeres machen kann!

Mmmh, was man aus diesen Hagebutten alles Leckeres machen kann!

Plötzlich wird die Schotterpiste sogar richtig schottrig- flach und wir düsen Trevelin entgegen. Auf einer vierspurigen, von Bäumen und Lädelis gezierten Hauptstrasse rollen wir auf die runde Plaza, wo uns ein lokales Bier willkommen heisst. Weil es wegen dem 1. Mai ein verlängertes Wochenende gibt, stellt es sich gar nicht so einfach heraus in diesem eigentlich gar nicht so populären Städtchen im Spätherbst ein Zimmer zu finden. Die Frau im Tourismusbüro telefoniert für uns gefühlt sämtliche Möglichkeiten durch und findet dann doch noch was; eine kleine ‘echte’ Zwei-Zimmerwohnung. Da sagen wir auch nicht Nein und richten uns gleich für zwei Nächte ein. Wir geniessen nicht nur den Platz, sondern auch unsere eigene grosse Küche, die uns ein Menü beschert, das unterwegs nur schwer umzusetzen ist: einen riesigen Salat und einen noch grösseren Topf Carbonara-Spaghetti. Umrahmt wird das Menü von genialen Backwaren in salziger und süsser Ausführung. Denn der erste Spatziergang durchs Städtchen hat uns mit verschiedensten Bäckereien überrascht, deren Theken randvoll sind mit gluschtigen Back-Allerleis und mal nicht nur weissen Brötchen als alleinigem Angebot.

Die nächste Überraschung folgt am kommenden Tag, als wir uns – was man im argentinischen Teil Patagoniens halt so macht – ins Teehaus setzen. Dank einem historischen Bildband in unserer Wohnung können wir uns nun auch die walisische Sprache überall und eben das ominöse Teehaus erklären. Die Stadt wurde vor knapp 150 Jahren von einer grossen Gruppe Einwanderern aus Wales gegründet. Die Geschichten über deren beschwerlichen Weg über den Atlantik und durch die Pampa, deren grossen Schwierigkeiten als ursprüngliche Handwerker in diesem harschen Klima zu überleben und deren Bekannt- und angeblichen Freundschaften mit der indigenen Urbevölkerung lassen uns etwas in die Vergangenheit eintauchen. So auch das Teehaus, welches nach der Grossmutter der walisischen Familie traditionell weitergeführt wird. Klar nehmen wir doch das ‘Completo’, das uns der Teehaus-Chef vorschlägt. Kurz später ist unser Tisch wortwörtlich komplett voll gestellt. Die grosse Teekanne macht nur einen kleinen Teil davon aus. Daneben finden wir dunkles und helles Brot, Schmelzbrötchen, Käse, Butter, verschiedene Marmeladen und was nicht fehlen darf; eine grosse Platte mit zehn Stück Kuchen.

Was Kleines für Zwischendurch

Was Kleines für Zwischendurch

Wir schwelgen in der walisisch geprägten Kultur, freuen uns über diese Überraschung und müssen aber trotz unserem Velohunger Forfait geben, schliesslich haben uns die anderen Bäckereien heute schon die eine oder andere Leckerei beschert. Aber der eingepackte Kuchen wird uns sicher die kommenden Velotage versüssen.

Am Abend besorgen wir uns Proviant für die nächsten Tage unterwegs. Im kleinen Gemüseladen einer jungen Familie bleiben wir regelrecht hängen und geniessen wieder mal das Spontane. Wir sind bereits zum dritten Mal hier. Der Vater war uns am Morgen behilflich, dass wir bei seinem Bruder im Hinterkämmerchen Dollars wechseln konnten und seine beiden Kinder haben uns bereits dieses und jenes über die Schule, die Flugzeuge auf dem nächsten Flugplatz und ihre Englischkenntnisse erzählt. Nun sind wir in ein lebendiges Gespräch mit der ganzen Familie inklusive Grossmutter verwickelt, dazu wird Mate getrunken und im Hintergrund laufen die Nachrichten mit den News über den dritten, aber scheinbar schwächeren Vulkanausbruch. Wiederum hören wir gespannt und gleichzeitig erschreckt den Erzählungen zu. Sie berichten über die rasante Inflation (die im letzten Jahr bis zu vierzig Prozent erreicht hat), den Dollar Blue (die inoffiziellen Wechselraten, welche zwischen 11 und 13 Peso/Dollar liegen während der offizielle Kurs innert Monatsfrist von 8.75 auf 9 gestiegen ist), die Hoffnungen auf einen politischen Wechsel bei den kommenden Wahlen im Herbst, die Unsicherheit wie es morgen wirtschaftlich weitergeht und über den eigentlichen Reichtum des Landes. Erst knappe zwei Stunden später verlassen wir den Laden und realisieren einmal mehr unser Privileg in einer solchen Sicherheit zu leben. Wir nehmen noch den Umweg zur Apotheke auf uns, weil uns die Familie den Kauf von Atemschutzmasken sehr ans Herz gelegt hat – der Wind bläst die Asche zur Zeit in Richtung Südost und die Preise seien in Bariloche, unserem nächsten grösseren Ziel, von 2 auf 100 Pesos explodiert. Nun sind wir also für alle Fälle gerüstet, mit viel Kuchen und Süssem gestärkt und freuen uns auf eine nochmals waldig-hügelige Fahrt von Trevelin durch den Parque Los Alerces nach El Bolson und Bariloche.

One thought on “5 o’clock tea in Patagonia?

  1. Die Geschichte mit dem Hund gefällt mir. Vielleicht ist der anhängliche Vierbeiner ja herrenlos und empfand es als willkommene Abwechslung, euch zu begleiten. Keine Frage – eine beachtliche Leistung habt ihr alle drei hingelegt.
    Hugs ma und pa

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