Knocking on heavens door

Wir treffen Jesus am Mittwochmorgen in der Lobby von unserem Hostal, das erst beste, das wir am Abend zuvor angetroffen hatten, nachdem wir mit Sack und Pack aus dem Busbahnhof ins nächtliche Verkehrschaos von La Paz herausgespühlt wurden. Jesus ist Bergführer, mit ihm wollen wir die nächsten vier Tage zwei Gipfel in der Cordillera Real in unmittelbarer Nähe zu La Paz besteigen. Pequeño Alpamayo, 5425 MüM und Huayna Potosí, 6088 MüM schlägt Jesus vor, wir vertrauen seiner Wahl. Er erklärt uns die Details des viertägigen Programs und kurz darauf führt er uns quer durch die Stadt, um unsere Ausrüstung zu komplettieren. Für ernsthafte Bergtouren fehlt uns doch das eine oder andere. Wir landen in der Wohnung von Christian, einem Schweizer, der seit Jahren eine Materialvermietung in La Paz betreibt. Bolivien erhebt hohe Importsteuern auf fast alles, so sind auch Sportartikel sehr teuer und im Land fast nicht zu bekommen, von Bergsportausrüstung gar nicht zu reden. Entsprechend betagt ist die Materialauswahl von Christian. Aber immerhin finden wir beide passende Bergschuhe (aus Leder und nicht Plastic!), Eispickel, Steigeisen und Gamaschen. 

Der Zufall will es, dass genau an diesem Abend das jähliche grosse Stadtfest in La Paz stattfindet, gewissermassen die grosse Geburtstagsparty der Stadt. Bereits am Nachmittag werden auf der gesperrten Hauptstrasse die ersten Essens- und Trinkstände aufgebaut. Wir stürzen uns ins Getümmel, mit gefühlten 2 Millionen Bolivianern, so viel Einwohner hat La Paz und El Alto zusammen. Die Stimmung ist heiter, alle 10 Meter gibt es köstliches zu Essen und Trinken. Als sich die ersten Betrunkenen zu prügeln anfangen, verziehen wir uns zurück in unser Hostal.

Jesus holt uns am anderen morgen mit seinem Pickup beim Hostal ab. Vorbei an den letzten Zeugen der gestrigen Party, die nicht mehr oder noch nicht nach Hause konnten oder wollten, fahren wir durch das alltägliche Verkehrschaos nach El Alto, gewissermassen die Erweiterung von La Paz ins Altiplano. Die Strassenführung in den steilen Hängen von La Paz ist ebenso abenteurlich wie die Fahrweise, es gilt das Gesetz des stärksten Motors. Und die paar Stunden im Auto sollten tatsächlich zu den gefährlichsten des ganzen Trips werden. Doch mehr dazu später. In El Alto wartet unsere Köchin auf uns, und werden zum ersten Mal gewahr, dass wir für einmal etwas gehobener Reisen. Die Köchin kann zwar leider nicht mitkommen, dafür steht ihre 16-jährige Tochter bereit. Und ihr kleiner Bruder kommt gleich auch mit. Die Rollende ist eben die einzige Planung in Bolivien. Wir verlassen El Alto Richtung Titicaca-See, der Adrenalin-Verbrauch wird zum ersten Mal angekurbelt. Nach einer halben Stunde verlassen wir die geteerte Strasse und biegen in eine kleine Schotterpiste ein.

Wunderbare Kulisse am Fuss des Condoriri-Massivs

Wunderbare Kulisse am Fuss des Condoriri-Massivs

Auf holpriger Strasse fahren wir bis zum Ende des Tals am Fusse des Condoriri-Massivs. Bis zum Base-Camp des Pequeño Alpamayo ist es nicht allzu weit, etwa anderthalb Stunden zu Fuss. Und wie es sich für eine richtige Expedition gehört, müssen wir das Material, immerhin eine ganze Pickup-Ladung nicht selber tragen. Fünf Esel stehen bereit und werden in Windeseile mit Zelten, Gasflasche, Ausrüstung, Kocher und drei Kisten Essen beladen.

Unsere vierbeinigen Helfer

Unsere vierbeinigen Helfer

Und ehe wir unsere kleinen Rucksäcke geschultert haben sind die Esel und ihr Treiber bereits auf dem Weg zum Basecamp.

Aufstieg zum Base-Camp vor imposanter Kulisse

Aufstieg zum Base-Camp vor imposanter Kulisse

Unsere Köchin, ausgerüstet mit Ballerinas und in traditioneller Kleidung, ist ebenfalls vor uns und so wartet bereits heisser Tee auf uns als wir das Base-Camp erreichen. Am Nachmittag testen wir unser Material bei einem nahen Gletscher und erhalten von Jesus die Infos zur morgigen Tour.

Unser Nachtlager im Base-Camp, im Hintergrund der Gletscher, der zum Pequeño Alpamayo führt

Unser Nachtlager im Base-Camp, im Hintergrund der Gletscher, der zum Pequeño Alpamayo führt

Zum Znacht gibts frische Forellen aus dem Gletschersee. Die Tour war nicht ganz billig, aber bereits jetzt jeden Rappen wert.

Der stürmische Wind hat sich mit dem Sonnenuntergang gelegt, und so erwartet uns eine kurze aber ruhige Nacht im Zelt. Um 3:00 Uhr gibts Frühstück: Müsli mit Joghurt und richtiger Kaffe, sogar eine “Tschinggenbombe” hat der arme Esel auf den Berg geschleppt. Kurz nach 4:00 Uhr brechen wir auf.

Corinne's Gamaschemn zicken zu beginn noch etwas

Corinne’s Gamaschemn zicken zu beginn noch etwas

Nach einer guten Stunde erreichen wir den Gletscherfuss und montieren Steigeisen, Gamaschen und seilen uns an. Zuerst gehts über das zerfurchte Blankeis des Gletscherschrundes, doch schon bald liegt eine kompakte Schneeschicht auf dem Eis und das Vorwärtskommen wird etwas einfacher.

Trinkpause zum Sonnenaufgang

Trinkpause zum Sonnenaufgang

Mit dem Sonnenaufgang kurz vor sieben haben wir die meisten Höhenmeter bereits überwunden, auf uns wartet noch der technische Teil der Tour. Wir müssen über eine kurze Felspassage runterklettern, ehe wir einen letzten steilen Eisgrat vor uns haben.

Der steile Schlussgrat hat es in sich

Der steile Schlussgrat hat es in sich

Zum Glück sind wir mittlerweile gut akklimatisiert, denn diese letzten Höhenmeter lassen uns doch ziemlich ins schnaufen kommen. Nach etwa fünf Stunden stehen wir auf dem Gipfel des Pequeño Alpamayo auf 5425 Metern, geniessen die wunderbare Aussicht und die wärmenden Sonnenstrahlen.

Geschafft!

Geschafft!

 

Geniale Aussicht ins Altiplano

Geniale Aussicht ins Altiplano

Der Abstieg wird im obersten Teil fast ebenso anstrengend wie der Aufstieg, die steile Eiskante erfordert nochmals unsere volle Konzentration.

Der Abstieg geht zügig vonstatten

Der Abstieg geht zügig vonstatten

Doch wir kommen problemlos und zügig voran und sind nach acht Stunden wieder zurück im Base-Camp. Normalerweise rechnet Jesus 12 Stunden für diese Tour, wir sind mittlerweile also wirklich fit. Mit Suppe gestärkt bauen wir unser Zelt ab und machen uns auf den Rückweg zum Auto. Für die Fahrt zum Basecamp des Huayna Potosí verspricht uns Jesus eine abenteurliche Fahrt mit bester Aussicht auf die Westflanke des 6000ers. Die zensierte Version des Berichts stoppt hier, und setzt erst wieder ein, als wir nach elf Uhr abends endlich im Basecamp ankommen.

Aber allen nicht-Mamis wollen wir unsere abenteurlichsten Autokilometer nicht vorenthalten. Der Shortcut, den Jesus nehmen will ist eigentlich eine gute Idee, so spart man sich die lange Fahrt zurück nach und durch El Alto. Eigentlich. Ist die Strasse zu Beginn einfach sehr holprig, ist sie doch noch als Strasse erkennbar.

Der Weg, schon recht abenteuerlich, aber noch fahrbar

Der Weg, schon recht abenteuerlich, aber noch fahrbar

Doch aus Strasse wird Weg und aus Weg mal Sandhaufen, mal Bachbett, mal verschwindet er ganz. Vierradantrieb ist definitiv unerlässlich. Und gute Fahrfähigkeiten auch, an zwei Stellen ist der Weg gerade noch knapp so breit wie der Pickup, rechts und links gehts steil runter. Doch Vierradantrieb und Fahrkünste auf Sand bringen mit Sommerpneus im Schnee und Eis auch nix mehr, plötzlich sind wir blokiert.

Wir sind blockiert, jetzt helfen nur noch Pickel und Handarbeit

Wir sind blockiert, jetzt helfen nur noch Pickel und Handarbeit

Jeder hochtourige Befreiungsversuch von Jesus führt nur dazu, dass das Auto etwas weiter über die Strassenkante Richtung Abgrund rutsch. Wir sind längst ausgestiegen und beobachten die verzweifelten Versuche mit flauem Gefühl im Bauch. Es hilft alles nichts, schliesslich ist Handarbeit angesagt. In zweistündiger Plackerei schaufeln wir kiloweise Sand unter die Räder um wieder Grip zu bekommen. Obwohl nur noch wenige Kilometer vom Camp entfernt kommen wir nicht darum herum, den engen Weg zurück zu fahren und schliesslich den grossen Umweg via El Alto in Angriff zu nehmen. Die Anspannung bleibt und Jesus’ Fahrweise ist auch nicht gerade geneigt, uns einschlafen zu lassen. In El Alto stoppen wir kurz, um je einen Teller Arroz con Pollo zu verschlingen, bevor wir die letzten 20 Kilometer in Angriff nehmen. Die Strasse ist um diese Zeit eigentlich bereits geschlossen. Doch Jesus weiss, was den Polizisten fehlt. Mit Geld ist hier nichts zu machen, er hat jedoch in weiser Voraussicht zwei Portionen Pollo mitgebracht. Das wirkt Wunder, erweicht die Polizisten und die Barriere öffnet sich. Kurz nach 23:00 Uhr kommen wir nach acht Stunden Autofahrt total erschöpft im Base-Camp an, wir sind seit gut 20 Stunden auf den Beinen.

Aussicht vom Base-Camp auf den Huayna Potosí

Aussicht vom Base-Camp auf den Huayna Potosí

Ausgeschlafen aber noch nicht ganz wach setzen wir uns am nächsten Morgen an den gedeckten Frühstückstisch und geniessen Pancakes und frischgepressten Orangensaft, einmal mehr sind wir vom kulinarischen Angebot überwältigt. Den zweieinhalbstündigen Fussmarsch ins Campo Alto werden wir erst nach dem Mittagessen in Angriff nehmen, so bleibt am morgen Zeit um gemütlich dem Treiben im Base-Camp zuzuschauen. Der Huayna Potosí ist technisch einfach und kann auch von wenig geübten Personen in Angriff genommen werden, entsprechend gemischt ist das Publikum. Ob es auch alle auf den Gipfel schaffen, werden wir am nächsten Morgen sehen.

Aufstieg zum Campo Alto

Aufstieg zum Campo Alto

Nach dem Mitagessen gehts einen gut ausgebauten aber steilen Weg hinauf ins Campo Alto auf 5200Metern, wo wir schlafen werden.

Das Campo Alto gleicht einer SAC-Hütte, sogar ausgerüstet mit Bio-Toilette im Freien

Das Campo Alto gleicht einer SAC-Hütte, sogar ausgerüstet mit Bio-Toilette im Freien

Das Campo Alto gleicht einer SAC-Hütte, nur für den kulinarischen Teil sind die Gäste oder ihre Guides selbst verantwortlich. Aber hier sind wir mit Danuschka ja bestens aufgestellt, sie hat natürlich auch diesen Weg auf sich genommen, jetzt allerdings immerhin mit richtigen Wanderschuhen ausgerüstet. Nach einem frühen Nachtessen sind wir um 19:00 bereits im Bett.

Etwa 15 Zweier- oder Dreierseilschaften machen sich in dieser Nacht auf den Weg, die ersten starten bereits kurz nach Mitternacht. Wir sind – so Jesus’ Einschätzung – etwas schneller unterwegs und starten als letzte Gruppe um 3:00 Uhr mit dem Aufstieg. Auf dem gut ausgetretenen Pfad auf dem Gletscher kommen wir schnell voran, nach zwei Stunden haben wir bereits die meisten Gruppen überholt. Jesus versucht uns mit zusätzlichen Pausen und langsamerem Lauftempo zu bremsen, sonst wären wir viel zu früh auf dem Gipfel. Und um lange auf den Sonnenaufgang zu warten ist es dann doch zu kalt.

Kurz vor Sonnenaufgang kriegen wir Gesellschaft auf dem Gipfel

Kurz vor Sonnenaufgang kriegen wir Gesellschaft auf dem Gipfel

Trotz seinen Bremsversuchen erreichen wir bereits um sechs Uhr den Gipfel, als erste Gruppe und gut eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang. Zum Glück ist es Windstill und nicht allzu kalt. Die Aussicht ist absolut atemberaubend, wir sehen hunderte Kilometer weit hinunter in den bolivianischen Jungel auf die eine Seite, ins Altiplano und zum Titicaca-See auf die andere Seite.

Der neue Tag schiebt sich langsam über den Horizont

Der neue Tag schiebt sich langsam über den Horizont

Der Himmel färbt sich langsam rötlich, aus Jesus’ Handy tönt “Knocking on Heavens Door”, ein einmaliger Moment, der uns kurz erschaudern lässt.

Das Dream-Team 😊

Das Dream-Team 😊

Mit dem Sonnenaufgang haben einige weitere Gruppen den Gipfel erreicht, andere sind immer noch weit unten, nicht alle werden es bis auf den Gipfel schaffen.

Die Sonne zeigt sich am Horizont, ein fast magischer Moment

Die Sonne zeigt sich am Horizont, ein fast magischer Moment

Wir lassen uns eine Weile von der aufgehenden Sonne wärmen und machen uns schliesslich als erste Gruppe wieder an den Abstieg. Jetzt erst können wir die wunderbaren Eisformationen bestaunen, die beim Aufstieg im Dunkel verborgen waren.

Schattenspiele auf dem Gletscher

Schattenspiele auf dem Gletscher

 

Blick zurück...

Blick zurück…

 

... und Richtung El Alto und La Paz

… und Richtung El Alto und La Paz

Nach anderthalb Stunden sind wir bereits wieder im Campo Alto und werden mit Kaffe und einer wunderbaren Suppe verköstigt, bevor wir noch den letzten Teil des Abstiegs in Angriff nehmen.

Unser super Team mit Jesus, Danuschka und Fabrizio

Kurz vor Mittag kommen wir müde aber überglücklich im Base Camp an. Es war ein wunderbares Gefühl auf unserem ersten 6000er Gipfel zu stehen, wir haben in der Tat beinahe am Himmel gekratzt.

One thought on “Knocking on heavens door

  1. Unglaublich, was für ein Erlebnis! Wir sind sprachlos und unheimlich stolz auf euch!:-) Herzliche Gratulation zu eurem wunderschönen Sechstausender!!!! Eure Lama (schon wieder!:-)) und Lapa

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